Zum Inhalt springen
Gesundheit

Ingwer: Was belegt ist und was nur behauptet wird

Gegen Übelkeit auf Reisen ist die Wirkung in Studien belegt. Dass Ingwer vor einer Erkältung schützt, hat dagegen noch nie jemand am Menschen untersucht. Ein Überblick darüber, wo die Belege stark sind – und wo sie fehlen.

4 Min. Lesezeit
Frische Ingwerwurzel, dünne Ingwerscheiben und ein Glas Ingwertee auf einem Holztisch. Das Bild illustriert einen Beitrag über wissenschaftlich belegte und unbelegte Gesundheitswirkungen von Ingwer.
Foto: LePost

Ingwer hat einen guten Ruf. Er soll das Immunsystem stärken, Entzündungen hemmen, bei Erkältungen helfen und beim Abnehmen.

Belegt ist davon weniger, als die Regale im Supermarkt vermuten lassen. Für einen Teil der Wirkungen gibt es gute Studien, für einen anderen nur Zellversuche, und für manches gar nichts.

Dieser Text sortiert die Belege. Er ersetzt keinen Arztbesuch: Wer länger Beschwerden hat, gehört in eine Praxis und nicht in die Gemüseabteilung.

Woher die Schärfe kommt

Was wir Ingwerknolle nennen, ist botanisch ein unterirdischer Wurzelstock. In Asien wird er seit Jahrtausenden nicht nur als Gewürz verwendet, sondern auch als Heilmittel.

Zwei Stoffgruppen sind dabei wichtig. Die eine sind die Scharfstoffe, vor allem Gingerole und Shogaole, die andere ist das ätherische Öl.

Beide wirken unterschiedlich, und das erklärt einige Widersprüche in der Werbung. Frischer Ingwer enthält deutlich mehr ätherisches Öl als getrockneter.

Am besten belegt: Übelkeit auf Reisen

Den stärksten Beleg gibt es für die Reisekrankheit. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat dazu einen Bericht vorgelegt.

Danach kann Ingwer zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit angewendet werden. Klinische Studien zeigen, dass der Wurzelstock dabei wirksamer war als ein Scheinmedikament.

Für die Linderung bereits bestehender Symptome ist die Lage schwächer. Dafür spricht die traditionelle Anwendung: Die Wirkung gilt als plausibel, weil Menschen sie seit langem nutzen.

Dasselbe gilt für leichte Magen- und Darmbeschwerden bei Erwachsenen, Blähungen eingeschlossen. Auch hier stützt sich die Einschätzung auf die lange Verwendung, nicht auf eine Reihe großer Studien.

109 Studien, und weniger als die Hälfte taugt

An der Staatlichen Universität Seoul wurden 109 klinische Studien zu Ingwer systematisch ausgewertet. In der Mehrzahl von ihnen war Ingwer wirksam.

Genannt werden Übelkeit in der Schwangerschaft, Verdauungsbeschwerden und Entzündungen. Das klingt nach einer klaren Sache, ist aber keine.

Weniger als die Hälfte dieser Studien erfüllte die Ansprüche an hohe Studienqualität. Die Mängel wiederholen sich: sehr wenige Teilnehmer, kurze Dauer, schwankende Dosierungen.

Eine Studie mit zwanzig Personen über eine Woche sagt wenig über eine Wirkung aus. Je mehr solcher Studien in eine Auswertung eingehen, desto freundlicher sieht das Ergebnis aus.

Der Erkältungsmythos

Im Winter wird Ingwer vor allem gegen Erkältungen verkauft. Dafür gibt es keinen Beleg.

„Dass Ingwer vor einer Erkältung schützt oder ihr gar vorbeugt, ist noch in keiner wissenschaftlichen Studie am Menschen untersucht worden“, sagt Matthias Melzig. Er ist Professor für Pharmazeutische Biologie an der Freien Universität Berlin.

Das heißt nicht, dass es nicht wirkt. Es heißt, dass es niemand geprüft hat.

Im Reagenzglas sieht es anders aus. Dort wirkt Ingwer antimikrobiell und gegen ein breites Spektrum an Viren, auch gegen Erkältungsviren, und dafür spielt das ätherische Öl eine große Rolle.

Vom Reagenzglas zum Menschen ist es aber weit. Was eine Zellkultur tut, sagt wenig darüber, was in Hals und Nase geschieht.

Immunsystem: möglich, nicht bewiesen

Ähnlich vorsichtig fällt das Urteil zum Immunsystem aus. „Insgesamt lassen die vorliegenden Daten eine positive Beeinflussung des Immunsystems als möglich erscheinen“, sagt Melzig.

Gemeint sind antioxidative und entzündungshemmende Effekte, die im Reagenzglas nachgewiesen wurden. Dass Ingwer allein positiv auf das Immunsystem wirkt, sei durch hochwertige Studien nicht belegt.

Die entzündungshemmende Wirkung geht dabei nicht auf das ätherische Öl zurück, sondern auf die Scharfstoffe. Gingerole und Shogaole reizen Rezeptoren, die vom Mund bis in den Darm vorkommen.

Bei dauerhafter Stimulation könne das auch einen gewissen schmerzstillenden Effekt erreichen, sagt der Pharmazeut. Mehr Schärfe ist dabei nicht automatisch besser.

„Denn die Scharfstoffe sind nur für einen Teil der Effekte verantwortlich“, erklärt Melzig, „etwa für die brechreizmindernde Wirkung.“ Ein besonders scharfer Shot ist also nicht zwangsläufig ein besserer.

Der Unterschied zwischen Gewürz und Arznei

Hier liegt der Punkt, der in der Werbung regelmäßig untergeht. Untersucht wurden die Wirkungen von Ingwer als Arzneidroge.

Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel mit Ingwer sind aber keine Arzneimittel. „Sie entsprechen nicht unbedingt den qualitativen Anforderungen für Ingwer als Arzneidroge“, sagt Melzig.

Das Europäische Arzneibuch macht Vorgaben für den Gehalt an Inhaltsstoffen. Außerdem muss bei Arznei-Ingwer überprüfbar belegt sein, dass weder Rückstände von Pflanzenschutzmitteln noch Schimmelpilzgifte enthalten sind.

Für den Shot aus dem Kühlregal gilt das nicht. Eine Studie, die mit standardisiertem Arznei-Ingwer gemacht wurde, lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf ihn übertragen.

Wer vorsichtig sein sollte

Kinder unter sechs Jahren sollten wegen der Scharfstoffe keine Ingwer-Shots trinken. Melzig begründet das damit, dass klinische Daten für eine Risikoabschätzung fehlen.

Der scharfe Geschmack dürfte die meisten Kinder ohnehin abschrecken. Überempfindlich reagieren insgesamt wenige Menschen, etwa mit Verdauungsbeschwerden.

Wer zu Sodbrennen neigt, sollte mit einer kleinen Menge ausprobieren, wie er Ingwer verträgt. Die Scharfstoffe reizen die Schleimhäute, und das ist bei gereiztem Magen keine gute Idee.

Eine allgemein anerkannte Tagesmenge nennen die hier verwendeten Quellen nicht. Wer regelmäßig größere Mengen zu sich nimmt oder Medikamente einnimmt, bespricht das besser mit der Ärztin oder dem Arzt.

Was bleibt

Ingwer ist ein gutes Gewürz und ein brauchbares Mittel gegen Reiseübelkeit. Als Schutzschild gegen den Winter taugt er nach heutigem Stand nicht.

Wer ihn mag, kann ihn bedenkenlos essen und trinken. Wer ihn kauft, weil die Verpackung „Immunsystem“ verspricht, kauft ein Versprechen ohne Beleg.

Und bei Beschwerden, die länger dauern oder stärker werden, hilft keine Knolle. Dann gehört die Sache ärztlich abgeklärt.

Ihre Reaktion:

Quellen(1)
  1. Stiftung WarentestIngwer-Shots im Test: Was Ingwer für die Gesundheit bringt · Studie

Themen

Aktualisiert:

Mehr zum Thema

Aktuelle Nachrichten